So erziehst Du Deinen Hund ohne Leckerli!

Das Futter-Junkie-Sydrom Teil 1

Kennst Du das? Dein Hund macht nichts ohne „Bezahlung“, erst muss das Leckli her, damit er sich an die Leine machen lässt, das Kommando „bei Fuß“ klappt auch nur bei ausreichender Bestechung. Ganz schön nervig, oder? Erfahre, wie Du Deinen Hund ohne Leckerli und andere Bestechungsmittel erziehen kannst!

„Das Problem ist, dass viele Hundehalter und auch Trainer den Unterschied zwischen Bindung und Beziehung gar nicht kennen.“ Thomas Baumann, Verhaltensexperte, Buchautor

Thomas Baumann Foto: Anna Auerbach

Leckerlis sind für viele Hundetrainer ein Allheilmittel. Hunde müssen schließlich ohnehin fressen, was ist da naheliegender, als sich diese wichtige Ressource als Motivationshilfe zunutze zu machen? Ganz falsch ist das nicht. Das sieht auch Verhaltensforscher und Buchautor Thomas Baumann so: „Will ich einem Hund bestimmte Auslastungs- und Beschäftigungsmodelle beibringen, starte ich sehr wohl mit
Leckerli und setze auch häufig den Klicker als Lernbeschleuniger mit ein.“ Aber: „Das Problem ist, dass viele Hundehalter und auch Trainer den Unterschied zwischen Bindung und Beziehung gar nicht kennen.“ Während eine Beziehung mit dem Verhältnis zu vergleichen sei, das wir zu
unseren Mitarbeitern und Nachbarn haben, sei eine Bindung von sozialer
Verbundenheit und Anhänglichkeit geprägt. „Einen Hund kann man am
besten dann erziehen, wenn eine solide Bindungs- und Beziehungsqualität vorhanden ist.“

„Wir sind da! Wo ist das Leckerli?!“, scheinen diese Rhodesian Ridgebacks zu fragen.

Erziehung hat nichts mit Training zu tun

Allerdings muss hier zunächst wieder zwischen Training und Erziehung differenziert werden. Denn tatsächlich ist das Beibringen von Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“ reine Konditionierung, demnach also ein Training, während Erziehung damit zu tun hat, dem Hund seiner Sicherheit wegen Geborgenheit zu vermitteln, aber auch Grenzen zu setzen, an denen er
sich zu orientieren hat.

Sami El Ayachi weiß: Auf die Körpersprache kommt es an!

„Eine gute Bindung definiert sich nicht über materialistische Werte wie Futter.“ Sami El Ayachi, Buchautor, Trainer

„Eine gute Bindung definiert sich nicht über materialistische Werte wie Futter“, erklärt der Buchautor Sami El Ayachi („Körpersprachliches
Longieren mit Hund“), „im Gegenteil: Futter kann sogar ein Störfaktor sein.“ El Ayachi weiß, wovon er spricht. Als er mit dem Longieren seines Briard-Rüden begann, setzte auch er zunächst Futter als Motivationshilfe
ein. „Ich musste allerdings feststellen, dass der Rüde gar nicht mehr ansprechbar war, sobald die Leckerchen ins Spiel kamen. Er hatte
nur noch die Belohnung im Kopf.“

„Viel besser wäre es, die Körpersprache richtig einzusetzen. Dann sind auch keine Motivationshilfen mehr nötig.“ Sami El Ayachi, Buchautor, Trainer

Ein ähnliches Ergebnis erzielte er mit Spielzeug, in dem Fall wurde der Hund sogar übergriffig und schnappte nach Herrchens Arm, um die Beute zu bekommen. El Ayachi wollte wissen, ab wann die Situation aus dem Ruder läuft und setzte eine Videokamera ein. Als er die Sequenzen einzeln betrachtete, fiel ihm auf, dass seine und die Bewegungsabläufe seines Hundes nicht zueinander passten. Er begann fortan auch die eigene Körpersprache zu analyisieren: „Wir verhalten uns unseren Hunden
gegenüber häufig widersprüchlich. Beim Rufen beugen wir uns nach vorne
und starren das Tier an – aus Hundeperspektive eine klare Drohung. Um
das zu kompensieren, halten wir ihm ein Leckerli hin. Viel besser wäre es
aber, die Körpersprache richtig einzusetzen. Dann sind auch keine Motivationshilfen mehr nötig.“

Ab und zu gibt´s für richtiges Verhalten natürlich eine Belohnung. Manuela Lieflaender mit Australian Shepherd Hündin Hailey

Leckerli als Brücke


Trotzdem verteufelt er den Einsatz von Futter nicht grundsätzlich: „Über diese Form der Bestätigung zu arbeiten, kann erst mal hilfreich sein, um
überhaupt wieder Aufmerksamkeit vom Hund zu bekommen.“ Auch sein
Kollege Thomas Baumann hält das für sinnvoll: „Im Einzelfall müssen wir unter Einbeziehung von Leckerli eine vorübergehende Brücke zum sozialen Zusammenwachsen schaffen. Allerdings kann dieser künstliche Brückenbau nur von vorübergehender Zeitdauer sein. Zielstellung ist nämlich immer das Ausschleichen von Leckerli-Gaben mit gleichzeitiger Hervorhebung sozialer Werte durch mehr soziale Attraktivität.
Ansonsten droht eine „Dealer-Junkie-Beziehung“.

Photo by Tom Verdoot on Pexels.com

Dealer-Junkie-Beziehung?!

Wie trainierst Du also am besten? Hilfreich ist die Übungsanleitung von Thomas Baumann: „Zu Beginn gibt es für jede Annäherung
und für jeden Blickkontakt Futter. Nach wenigen Tagen wird das
Leckerli nicht sofort gegeben, sondern zunächst zurückgehalten. Der Hund
erwartet das Leckerli, bekommt es aber nicht sofort. Stattdessen verändert
sich der Mensch spannungsgeladen in seiner Körpersprache. Gleichzeitig hört der Hund über die Lautsprache des Menschen „komische“
Geräusche. Er ist erstaunt und starrt seinen Menschen „ungläubig“
an. Plötzlich und spontan erfolgt die Futtergabe. Das bedeutet, bevor künftig das Leckerli als Belohnung erfolgt, fasziniert der Mensch mit einer spannenden sozialen Geste, verbunden mit einer „seltsamen“ Lautsprache seinen Vierbeiner immer mehr. Diese sozialen Neuerungen können
für Außenstehende noch so „idiotisch“ aussehen, sie vermitteln dem Hund
ein neues, mit sozialer Attraktivität verbundenes „Gesicht“ seines Menschen.

Mehr und mehr kann jetzt die Leckerli-Brücke wieder abgebaut werden,
wobei sie nie völlig verschwinden muss, wohl aber hintergründig werden
kann. Wenn zu dieser neuen sozialen Attraktivität nun noch geschickt motivierende Beschäftigungsvarianten mit einfließen, ist der Weg für eine bessere Beziehungsqualität vorgezeichnet. Die Lust auf Kooperation mit dem Zweibeiner nimmt an Fahrt auf.“ Warum Futter allein noch keine Bindung schafft und welche Rolle dabei die Erziehung des Hundes spielt, darum geht es in Teil 2 von „Das Futter-Junkie-Syndrom“.

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