Warum Futter in der Hundeerziehung (k)eine Lösung ist

Das Futter-Junkie-Syndrom Teil 2: Über den Sinn und Unsinn von Futterbelohnungen wird viel diskutiert. Kann – und sollte man – Hunde tatsächlich „lieb“ füttern?

„Die Befürworter der zwangfreien Hundeerziehung argumentieren ja gerne, dass mit positiver Verstärkung von erwünschtem Verhalten und Ignorieren von Fehlverhalten die Anzahl an schwierigen Hunden in unserer Gesellschaft reduziert werden könne. Das Gegenteil ist der Fall: In vielen deutschen Tierheimen sitzen unglaublich viele toll trainierte Junghunde. Ihr Problem ist: Sie sind schlecht erzogen.“

Deutliche Worte von Thomas Baumann. Der bekannte  Hundetrainer arbeitete für das Bundeskriminalamt in Wiesbaden als deutscher Polizeivertreter in einer europäischen INTERPOLArbeitsgruppe für das Diensthundewesen der Polizei. Im Ergebnis wurden empfehlende, vergleichsweise hohe Ausbildungsstandards für Spürhunde der Polizei erarbeitet. Mit diesem hohen Wissens- und Erfahrungswert, verbunden mit jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit Hunden, gilt die Zusicherung eines hohen Qualitätsstandards in der Aus- und Fortbildung als gesichert.

„Hunde müssen erzogen werden“, Thomas Baumann, Hundetrainer und Buchautor

Baumann hat sich auf sogenannte Problemhunde spezialisiert. Erst neulich kam eine verzweifelte Hundehalterin zu ihm ins Training. Sie war von ihrem fünf Monate alten Irish Terrier mehrfach aggressiv attackiert worden.

„Ich war zunächst beeindruckt“, erinnert sich der Trainer, „Frauchen brachte den Hund in die Sitz-Position, die er überraschend zuverlässig befolgte. Dann warf sie Futterstücke direkt neben ihn und er rührte sie – weiter sitzend – nicht an. Anschließend ging sie zirka 10 Meter von ihm weg und drehte ihm den Rücken zu. Der Kleine wartete geduldig. Sie drehte sich nach kurzer Zeit um, ging wieder zu ihm und er saß noch immer da und wartete. Das Futter lag unberührt neben ihm.“ Als das Hörzeichen zur Freigabe kam, durfte sich der Terrier die Leckerlis nehmen. „Wow, könnte man jetzt denken. Das stimmt, das war sehr schön konditioniert und vor allem gut ritualisiert. Ritualisierung ist ein Kernelement der Konditionierung. Allerdings kamen die Beißattacken nie innerhalb der Konditionierungs-Rituale zustande sondern immer außerhalb.“ 

„Die Beißattacken erfolgten nie innerhalb der Konditionierung“

Sobald der junge Irish Terrier etwas Fressbares fand, das er behalten wollte, lief er damit unter den Tisch oder in eine Zimmerecke und verteidigte seine Beute vehement. Wollte Frauchen ihm seine Ressource wegnehmen, biss er zu.

Mit mangelnder Impulskontrolle ließ sich dieses Verhalten nicht erklären. Immerhin hatte die Fellnase bei allen anderen Futterübungen bewiesen, dass sie durchaus imstande war, zu warten, bis man ihr erlaubte, es zu verspeisen.

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Die Ursache des Fehlverhaltens war für Baumann schnell gefunden:

„Warum so etwas passiert, ist einfach und vor allem ideologiefrei zu erklären: es gibt in diesem Zusammenhang relativ viele Junghunde, die eine genetische Disposition zu einer hohen Verteidigungsbereitschaft von Futterressourcen mitbringen. Ganz sicher auch dieser Irish Terrier.“

War es also falsch, den jungen Hund mit Leckerlis zu trainieren? Buchautor Rolf C. Franck („Frühförderung für Welpen“) hat sich mit dem Thema beschäftigt. Er züchtet Border Collies.

Für ihn gehören Clicker und Futterbelohnungen unbedingt in die „Werkzeugkiste“ von Welpenbesitzern. „In der Natur ist es unabdingbar, dass Wildhund- und Wolfswelpen durch ihre Eltern mit Nahrung versorgt werden“, erklärt der Züchter und Hundetrainer. „Ebenso muss jedes Tier lernen, sich für seine Nahrung und damit sein Überleben anzustrengen. Die Welpen müssen schrittweise ihr Verhalten anpassen, um satt zu werden.“

Und das sieht dann so aus: „ Anfangs müssen sie nur den Weg zur Milchbar finden, während des Abstillens lernen sie, Frustration auszuhalten und hartnäckig zu sein. Sie müssen ihre Strategie ändern, wenn die Mutter beginnt, Futterbrei hervorzuwürgen. Bis sich alle von den Zitzen der Mutter weg zum Maul orientieren und aktives Futterbetteln zeigen, vergehen ein paar Tage, denn es findet ein echter Lernprozess statt. Zusätzlich werden die Welpen in dieser Zeit mit stetig neuen Umweltherausforderungen konfrontiert und an wechselnden Orten gefüttert. Die Natur sieht also vor, dass Futterbelohnungen einen wichtigen Anreiz zum Lernen geben und wenn wir als Besitzer die Elternrolle für einen Welpen übernehmen, ist es leicht, daran anzuknüpfen.“

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Weniger Leckerlis, mehr Persönlichkeit

Leckerlis zu verwenden, ist nicht grundsätzlich falsch, da sind sich alle Experten einig. In angenehmer Atmosphäre zu lernen und dafür eine Belohnung zu erhalten, das schafft positive Emotionen beim Hund. Der richtige Einsatz von Futter kann zudem dabei helfen, Ängste und Aggressionen abzubauen. 

Trotzdem:

„Ressourcenmanagement funktioniert nicht ohne ein erzieherisches Fundament “, sagt Verhaltensexperte Thomas Baumann. „Alles, was im Alltag außerhalb eines erlernten Musters auftritt, hat dann keine Bedeutung mehr, wenn Begehrlichkeiten beim Vierbeiner geweckt werden. Muss der Hundehalter in einer solchen Situation eingreifen, seinen Hund einfach nur festhalten, wegschieben oder körperlich blockieren, wird ein – bislang nur konditionierter – entsprechend stabiler und dann zu Widerstand neigender Hund sich nicht unbedingt scheuen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das alles kann sich ein Hundehalter ersparen, wenn er von Beginn an nicht nur an Futterbelohnung denkt, sondern auch auf das Einbringen seiner Persönlichkeit achtet.“

Weiterlesen Futter-Junkie-Teil 1

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